Der Koffer

von Chris Naylor-Ballesteros

Eines Tages, wie aus dem Nichts, taucht es auf: das müde und staubige Wesen. Einen Koffer vor sich herschiebend, begegnet es Hase, Vogel und Fuchs, die gerade zufällig in der Nähe sind. Misstrauisch und neugierig zugleich beobachten sie den Neuankömmling. Wo kommt es her? Was will es hier? Doch ihr größtes Interesse gilt dem Koffer. Was befindet sich wohl darin? Eine Tasse, ein Tisch, ein Stuhl und eine kleine Teeküche, gibt das Wesen zur Antwort, bevor es vor lauter Erschöpfung einschläft. Unmöglich! sind sich die Drei einig und brechen in Nullkommanichts den Koffer auf, um zu sehen, was darin ist.

Antonia Brix Inszenierung folgt dem Bilderbuch des britischen Autors Chris Naylor-Balles teros und kommt ebenso wie die Vorlage mit nur wenigen Sätzen aus. Die vier Schauspieler*innen erzählen über starke atmosphärische Bilder und poetisch verspielte Klänge vom Fremdsein und Ankommen; vom Fehlermachen und von der Kraft des Verzeihens

© Buchausgabe Verlag FISCHER Sauerländer, 2020

Nach: "The Suitcase" von Chris Naylor-Ballesteros in der Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn. © Chris Naylor-Ballesteros 2019, lizensiert von Nosy Crow Limited

 

Theater im Marienbad

 


Mit

Daniela Mohr
Julia-Sofia Schulze
Christoph Müller
Lisa Bräuniger


Regie

 

Antonia Brix


Musik & Komposition

 


Bühne

 

Bernhard Ott


Kostüme

Emily Bourley


Dramaturgie

 

Sonja Karadza


Produktionsleitung & Regieassistenz

 

Anna Fritsch
Mareike Mohr

 


Bühnenbau & Schneiderei

 

Emily Bourley
Stefan Ehrt
Gisi Kinsky
Manfred Loritz
Tommy Müller
Bernhard Ott
Linda Williges

 


Veranstaltungstechnik

 

Emily Bourley
Felix Kremser
Bernhard Ott

 


© Minz&Kunst

«Ein Spiel um Toleranz und Empathie, das vor allem über Körpersprache starke Momente und Gefühle produziert und doch einen Alltagstransfer ganz ohne Moral und Bedeutungsschwere schafft.»

Badische Zeitung, M. Klötzer

 

 

«Die Inszenierung "Der Koffer" und die ausgeprägte Körpersprache anzusehen ist lustig und lebhaft: ein Augenschmaus. Fuchs, Vogel, Hase und das Wesen werden von den Schauspieler*innen auf der Bühne gebärdenunterstützt gesprochen und gespielt. Ein kleiner, gelungener Spalt, durch welchen die Gebärdensprache in die Öffentlichkeit lugen kann und Theater barrierefreier wird.»

Matthias Hanel, Landessprecher für Gehörlosengemeinschaft

 

Badische Zeitung

12. Juni 2023 Von Marion Klötzer

Im Freiburger Theater im Marienbad steht ein ramponierter
Koffer für Empathie und Offenheit

 

Gelungene Adaption: Das Freiburger Theater im Marienbad hat Chris Naylor-
Ballesteros Bilderbuch "Der Koffer" auf die Bühne gebracht. Die positive Botschaft kommt ohne
Moralgehubere aus.

 

 

48 alte Pappkoffer hat Bühnenbildner Bernhard Ott im Internet gesammelt – die wird es
brauchen für das neue Kinderstück im Freiburger Theater im Marienbad: "Der Koffer" nach dem
gleichnamigen Bilderbuch (Sauerländer Verlag, 2020) des britischen Illustrators Chris Naylor-
Ballesteros, der mit wenigen Strichen so berührend wie pointiert vom Fremdsein erzählt. Das
Ensemble stolperte in einer Buchhandlung über die Geschichte – jetzt feierte ihre deutsche

Erstaufführung Premiere unter Regie von Antonia Brix, die schon 2016 "Der Bär, der nicht da
war" im Haus inszenierte. Die stark reduzierte Bilderbuchästhetik wird hier kongenial adaptiert:
Das abgedeckte Schwimmbecken und ein Dutzend kreuz und quer von der Decke hängende
Gaze-Vorhänge geben viel Weißraum, das Publikum sitzt in langen Dreierreihen ganz nah dran
an der Bühne im Doppelseiten-Querformat.

 

Umso farbintensiver knallen Requisiten und Kostüme (Emily Bourley). Fuchs (Lisa Bräuniger),
Vogel (Christoph Müller) und Hase (Daniela Mohr) tragen exzentrische Stoffkreationen und
wuseln, trippeln,flattern, schreiten und schleichen mit immer neuen Gegenständen durch die
Szene: Mal ist es eine orange-rote Stehlampe, mal ein geblümter Camping-Klappstuhl, in dem
sich der arrogante Fuchs mit viel Clownerie die Hand einklemmt. 20 Minuten nehmen sich die
Drei für ihr Intro – ohne ein Wort, aber mit starkem Körperspiel, viel Imagination und von
Simon Ho komponierter Musik. Deren Einzelteile werden meist von einem Zufallsgenerator
eingespielt – eine reizvolle Herausforderung für die Spielenden. Ob Spannung und Witz wie bei
der kinderlosen Abendpremiere auch beim Kindergartenpublikum funktionieren werden? Man
kann sich’s gut vorstellen…


Mit der Fremden kommt zunächst das Misstrauen


Dann plötzlich schlittert in einer Staubwolke ein schmutziger, angekokelter Koffer auf die
Bühne – hinterher stolpert ein verängstigtes, abgekämpftes Wesen in blaugrünem, viel zu
schwerem Mantel (Julia-Sofia Schulze), von den anderen sofort misstrauisch bedrängt und
beäugt.
"Was ist in deinem Koffer?!" – so die ersten Worte dieses Stücks nach einer sehr lustigakrobatischen
Choreographie um das geheimnisvolle Objekt. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Küche,
ein Zuhause mit Meerblick, Schatten, Gras und Wind? Unsinn, das geht doch gar nicht! Als die
Fremde nach ihrer langen Reise vor Erschöpfung zusammenbricht und unter LED-Lämpchen-
Decke zu poetischem Schattenspiel einschläft, ist kein Halten mehr. Erst vorsichtig, dann
immer rabiater versuchen die Drei den Koffer zu öffnen, schleudern ihn über den Boden,
trampeln, hüpfen, zerfetzen ihn in wildem Rausch, bis nicht übrig bleibt außer ein paar
Tassenscherben. Atemlos, dramatisch – und sehr traurig.
Wie es trotzdem und deswegen ein Happy End gibt, ist so überraschend wie bewegend und
braucht mehr als buntes Klebeband und eine genuschelte Entschuldigung. Man kann einen
Fehler wieder gutmachen – so die Botschaft. Dann gibt es viele Tassen – und Willkommenstee
für alle im Foyer. Ein Spiel um Toleranz und Empathie, dass vor allem über Körpersprache starke

Momente und Gefühle produziert und doch einen Alltagstransfer ganz ohne Moral und
Bedeutungsschwere schafft.

Kulturjoker

Theater im Marienbad: „Der Koffer“, eine rundum geglückte theatralische Parabel für Kinder ab 4 Jahren

Mit Kindern ab dem Kindergartenalter elementare moralische und ethische Grundproblematiken zu thematisieren ist ein schwieriges Unterfangen und endet vielfach beim erhobenen Zeigefinger und damit im pädagogischen Nichts. Ähnliches gilt für die mediale Vielfalt der für diesen Zweck existierenden Materialien und deren Einsatzformen. Eine vielbeachtete und verdient preisgekrönte Ausnahme ist das Bilderbuch „Der Koffer“ von Chris Naylor-Ballesteros aus dem Jahre 2019, einem in Frankreich lebenden englischen Kinderbuchautor und -zeichner.
Es erzählt die Geschichte von Fuchs, Hase und Vogel, die in ihrer gewohnten Umgebung überwiegend friedlich, bisweilen auch weniger harmonisch, nebeneinander her leben. Ihr Alltagstrott wird eines Tages jäh durch das plötzliche Auftauchen eines unbekannten, völlig entkräfteten und seltsam anmutenden Wesens unterbrochen, das einen großen, schon ziemlich ramponierten Koffer mit sich herumschleppt. Die anfängliche Angst und Scheu vor dem Fremden, dem Eindringling, weicht bei dem Trio bald ihrer Neugier. Sie wollen erfahren, was sich in dem geheimnisvollen Koffer befindet. Als sie hören, dass darin die gesamte Lebenswelt des Wesens, bestehend aus Tisch, Stuhl, einer Kochgelegenheit für Tee nebst Lieblingstasse und gar eine ganze Hütte auf einem Berg mit grandiosem Meerblick und den entsprechenden Naturgeräuschen verstaut sein soll, wird der Neuankömmling vollends zum Mysterium.
Das rätselhafte Wesen fällt vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf und die drei Tiere stehen nun da und sind allein mit ihrem Problem: Kann dies denn alles wahr sein, oder ist es bloß infam erlogen? Den Koffer öffnen oder nicht? Die Wissbegierde obsiegt und beim Aufbrechen wird das Gepäckstück völlig demoliert. An Inhalt finden sich lediglich die Scherben einer Tasse und eine Landschaftsfotografie, die all das zeigt, worüber das fremde Wesen gesprochen hat. Das Dilemma, in das sich die drei nun gebracht haben, wiegt schwer: Der Koffer zerstört, die Geschichte eigentlich keine Lüge und wie nun umgehen mit der gemeinsamen Schuld, dem schlechten Gewissen, der Scham? Irgendwann wird das Wesen aufwachen und die Tat ist zu verantworten! Im Buch gelingt dem Autor ein anrührend versöhnliches Finale. Die Entschuldigungsversuche von Fuchs, Hase und Vogel kommen anfangs noch sehr holprig daher, doch dann stehen sie zu ihrer Tat. Und sie bemühen sich mit einer verblüffenden Idee unter großer Anstrengung erfolgreich um Wiedergutmachung und Misstrauen, Vorurteile und Ablehnung machen Platz für ein Zugehen aufeinander, für Verständnis, vielleicht sogar für Freundschaft. Chris Naylor-Ballesteros erreicht diese Gefühlsdichte mit einer konsequenten Reduktion auf das Wesentliche sowohl bei seinen klaren, schnörkellosen Zeichnungen, wie auch in den kurzen, hochpräzisen Texten.

Gelungene Dramatisierung
Ist dies auch der Königsweg für eine Adaption der Geschichte fürs Theater? Für die Inszenierung im Theater im Marienbad gilt ein uneingeschränktes ja!
Antonia Brix (Regie), Sonja Karadza (Dramaturgie), Bernhard Ott (Bühne) und Emily Bourley (Kostüme) orientierten sich konzeptionell offensichtlich an der schnörkellosen Fokussierung der Bildergeschichte im Buch auf das Wesentliche, ohne jedoch auf ein Ausreizen spezifischer Theatermittel zu verzichten. Der Bühnenraum bleibt völlig offen, nur in zahlreiche Gassen unterteilt mittels weißer Stoffschleier. So bieten sich für die SchauspielerInnen viele Auf- und Abtrittsmöglichkeiten, die einen dynamischen Spielfluss ermöglichen. Fast ausschließlich liegt die Inszenierung auf deren Schultern, genauer auf ihrem körperlichen Spiel, denn der Requisiten- oder Möbeleinsatz strebt gegen Null. Einzig die farbenfrohen Kostüme bieten für sich gesehen einen besonderen Reiz. Und die DarstellerInnen von Fuchs (Lisa Bräuniger), Vogel (Christoph Müller), Hase (Daniela Mohr) und dem Wesen (Julia-Sofia Schulze) zeigen ein wahres Feuerwerk der Schauspielkunst. Sie erzählen die Geschichte in einem furiosen, teilweise atemlosen Mix aus Slapstick, Pantomime und Akrobatik, partiell unterstützt und animiert durch die musikalischen Kompositionen von Simon Ho. Ihr Spiel verleiht jedoch ebenso gekonnt den ruhigen, nachdenklichen Momenten des Stücks und den wenigen Textstellen die ihnen zukommende Tiefe.
Das Stück ist brandaktuell, denn Angst vor dem Fremden, Ablehnung statt Empathie, gar Hass dringen immer mehr in unseren Alltag ein. Deshalb ist dieser gelungenen Inszenierung zu wünschen, dass sie von vielen Kindern ab 4, vorzugsweise in ganzen Gruppen oder Klassen, aber auch von Jugendlichen, Eltern und LehrerInnen besucht wird und sie entsprechende diskursive Nachbearbeitung findet. Käme es so, wäre sie ein schönes Beispiel für die potenziell verändernde Kraft des Theaters.
Das Theater im Marienbad präsentiert ihre Theateradaption des Bilderbuchs als deutsche Erstaufführung. Und noch ein letztes Plus: Nach dem Urteil eines Dozenten für Gebärdensprache kann die Inszenierung als „gebärdenunterstützend“ gelten, denn die SchauspielerInnen übersetzen im Spiel die meisten Sätze, die sie sprechen, zeitgleich mittels Gebärdensprache. Damit wird der Besuch auch für gehörlose Menschen uneingeschränkt interessant.