DI DRÜ SÖILI MIT INGWER

Buta no Shogayaki, Brutalo Schwinsfleisch mit Ingwer  von

Spiel: Andrea Brunner

Julius Griesenberg

Daniel Rothenbühler

Brigitta Weber
Inszenierung: Antonia Brix
Text: Michael Fehr
Musik/Lieder: Resli Burri
Ausstattung: Renate Wünsch
Licht: Martin Brun           
Technik: Helena Hebing
Stockchoreographie: Daniel Rothenbühler
Produktionsleitung: Brigitta Weber, Verena Ledergerber Daniela Denzler
Assistenz: Laura Egger
Grafik: Pedä Siegrist
Fotografie: Rob Lewis

Schible, brätle, frässe

Von Lorenz Häberli, Der Bund

Kein abgeschwächtes Disney-Märchen – «Die Drü Söili 
(mit Ingwer)» ist ein derb-humorvolles, fein getaktetes 
Theaterstück.

Der kleine Junge kichert vergnügt. Es hält ihn nicht mehr auf dem Klappstuhl. Er steht und schaut, den Kopf hin- und herwendend zwischen den vor ihm Sitzenden hindurch, ganz eingenommen von dem, was auf der Bühne im Berner Schlachthaus-Theater gezeigt wird. Da er aber nur einen Meter zwanzig gross ist, verdeckt er auch aufrecht stehend kaum jemandem die Sicht.

«Buta no Shogayaki», keift derweil der Samurai mit silbernem Haarschopf, der sich zusammen mit seinem Hund aufmacht, die letzten drei lebenden Ferkelchen im entlegensten Winkel aufzuspüren und aufzuspiessen. «Schible / brätle / frässe», dem Krieger läuft das Wasser im Mund zusammen. Die Schweinchen bauen sich inzwischen ihre Behausungen aus Papier, Stroh und Holz. Lustig sind sie, die rosa Spielkameraden – noch ahnen sie nichts vom drohenden Unheil.

Nur ist der Wolf diesmal ein Mensch: kein mystifiziertes Monster, sondern ein von Gier Getriebener, ein Homo ­Homini Lupus.

Archaische Lautmalereien

Die Vorlage von «Die Drü Söili (mit Ingwer)» – heute vor allem in Form eines Zeichentrickfilms von Disney bekannt – reicht allerdings noch weiter, über die Märchen der Gebrüder Grimm hinaus in eine Zeit zurück, in der Geschichten meist mündlich weitergegeben wurden. So sind denn auch Reime und rhythmisierte Sprache in erster ­Linie nichts als Gedächtnisstützen, ein Versuch der Konservierung, vorzeitliche Floppy Disks und akustische Festplatten.

Dieser rhythmisierte Duktus prägt das Stück von Michael Fehr, der kürzlich für seinen dichterisch dichten Umgang mit der Mundart und für seine hoch getaktete Sprachrhythmik mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis aus­gezeichnet worden ist. Die archaische Lautmalereien, die durch die Wiederholungen bisweilen wie Zauberformeln in einer unverständlichen Ursprache zu klingen beginnen, ziehen sich durchs gesamte Stück, das mit 60 Minuten Spieldauer durchaus kinderfreundlich ist.

Tod und Gewalttätigkeit

Geben sich die Protagonisten, verkörpert von Brigitta Weber und Daniel Rothenbühler von der Theatergruppe Eiger, Mönch & Jungfrau sowie Andrea Brunner und Julius Griesenberg, nicht dem verbalen Schlagabtausch in oftmals elliptischen Hauptsätzen hin, dann singen sie.

Da heult der vierbeinige Gefährte des ferkelaffinen Kriegers, da klagen die Schweinchen im Chor, da brummt der Samurai drohende Melodien, feinfühlig getextet und komponiert von Resli Burri.

Diese Annäherung an ebenfalls gesangsfreudige Disney-Figuren lässt Fehr textlich sofort wieder ins Leere laufen: «Ohr ab / Schwanz ab / so / zagg / zagg / Buch uf / aus drus.» Wenn eines der kleinen Schweinchen dann auch tatsächlich vom Samurai getötet wird, so ist man dabei wiederum näher an der ursprünglichen Erzählung, in der sogar zwei der drei kringelschwänzigen Zeitgenossen das Zeitliche segnen. Erst Disney hat die oft gewalttätigen Märchenstoffe entschärft.

Die Kinder lachen. Ob sie denn den Ernst der Geschichte verstünden, wird gefragt; ob denn der Tod des kleinen Schweinchens nicht zu brutal sei. Der kleine Junge hat sehr wohl verstanden – man sollte Auffassungsgabe und Vorstellungsvermögen der Kinder nicht unterschätzen.

Einzig, was «Buta no Shogayaki» heisst, ist ihm schleierhaft. Es ist der Name eines japanischen Alltags­gerichts: Schweinefleisch mit Ingwer.